Vernissage

Bilder begegneten Tanz und Poesie

Grande Dame

Vernissage

Eine Performance aus Poesie und Tanz bildete den furiosen Auftakt der Ausstellung mit Gemälden von Simone Kirsch in der Kulturkirche Ost in Köln-Buchforst.

Du bist gefallen und aufgestanden,
hast vielen missfallen und bist aufgegangen
im Gefühl der Freiheit und Lebenslust.
Getanzt hast du auf vielen Bühnen
Glühender Körper mit klarem Verstand
Barfuß, läufst du durch den Sahara Sand.

Aus dem Gedicht „Grande Dame“ von Sarah Moujtahid

Worum es ging, brachte Anja Pendzialek vom für die Kulturkirche Ost zuständigen GAG-Sozialmanagement ganz einfach auf den Punkt: „Heute treffen Bilder auf Tanz und Poesie.“ Was die zahlreichen Besucher in der Kulturkirche Ost zum Auftakt der Veranstaltung erlebten, ist hingegen nicht so einfach in Worte zu kleiden. Geladen waren sie zur Vernissage der Ausstellung „Grande Dame“ der Kölner Malerin Simone Kirsch (vom 12. Februar bis zum 1. März 2016). Geboten bekamen sie außer großformatigen Frauenportraits und dem obligatorischen Gläschen Sekt auch eine Performance der ebenfalls in Köln ansässigen Künstlerinnen Anna Dimpfl (Tanz) und Sarah Moujtahid (Poesie). Und die hatte es in sich.

Wie tanzt man zu gesprochenen Worten und gerahmten Bildern? Eine Aufgabe, der sich Anna Dimpfl, die im Kunstwerk in Köln-Mülheim das Atelier205 betreibt, mit intensiver Körperlichkeit und großer Phantasie stellte. Den inhaltlichen Roten Faden der insgesamt sieben Gedichte, die Moujtahid las, spann sie durch den gesamten Kirchenraum fort. Die Emotionen, die Bilder und Worte in ihr weckten, drückte sie in ihren Bewegungen aus. Ein eindrückliches, sozusagen crossmediales Ereignis, das vor allem die mit der Kunstform Tanz weniger vertrauten Besucher einigermaßen irritierte, zugleich aber vor Augen führte, wie vielfältig diese Kunstform sein kann. Der Applaus fiel nichtsdestoweniger langanhaltend aus. Wann ist man schon einmal Zeuge eines solch ungewöhnlichen und überdies geglückten Experiments?

„Unglaublich viel gelernt“

GAG Grand Dame Kirsch Kulturkirche Ost

Alle Fotos: Thomas Banneyer

Die Fotografin und Dozentin Jane Dunker – im Herbst 2015 selbst mit einer Reihe von Veranstaltungen in der Kulturkirche Ost präsent) – sprach im Anschluss von der „schweren Bürde, nach der Performance reden zu müssen“, meisterte diese Aufgabe aber mit der ihr eigenen Souveränität. Sie habe, sagte sie, von den drei Frauen „unglaublich viel“ gelernt. In ihren verschiedenen Ausdrucksformen zeigten die Künstlerinnen, dass in jedem, pardon, jeder von uns eine „Grande Dame“ stecke. Folgerichtig die Forderung Dunkers an die Gäste: „Machen Sie sich auf die Suche nach ihr!“

Tatsächlich bieten die Bilder von Simone Kirsch jede Menge Futter für diese Suche. Auf den ersten Blick ähneln sie einander stark. Kein Zufall: Die Grundlage jedes Bildes ist ein Linoleumdruck, den die Künstlerin nach einer Fotografie ihrer Großmutter erstellt hat. Eine aufrechte, ernste Frau ist da zu sehen, die Hände vor dem Körper verschränkt, den Blick selbstbewusst dem Betrachter zugewandt. Dieser muss nähertreten und Zeit investieren, um in den vielen darüber liegenden Schichten aus Farben, Formen und unterschiedlichen Materialien jene Details zu entdecken, die die scheinbar so gleichartigen Portraits zu völlig verschiedenartigen Kunstwerken machen.

In „drink and enjoy before dead“ verwandelt sich Kirschs Großmutter in eine Punk-Lady, in „your nature“ ist sie ein Indianerhäuptling mit üppigem Federschmuck, in „queen“ eine würdevolle Putzfrau, in „express yourself“ ein glamouröser Popstar. Was uns diese Metamorphosen zu sagen haben? „Auf diese Frage antworte ich immer mit der Gegenfrage“, sagte Kirsch. „Was sagt das Bild Dir?“ Die Freiheit der Kunst: Sie muss nur sein. Die Interpretation liegt im Auge des Betrachters.

Poesie in kleine Dosen

Freiheit ist auch das Thema, dass sich durch Sarah Moujtahids Texte zieht. „Das ist tatsächlich so etwas wie mein Lebensthema“, sagte sie. Zurzeit sogar ganz konkret: „Ich mache mich gerade selbstständig.“ Mit ihrer „Poesie in kleinen Dosen“ – antiquarische Tabaksdöschen, die Auszüge ihrer Gedichte enthalten – hat sie bereits einiges mediales Aufsehen erregt. Am „Grande Dame“-Projekt reizte sie neben der Interdisziplinarität die Möglichkeit, eine Lesung entlang einer durchgehenden Thematik zu konzipieren. „Durch die gegenseitige Inspiration hat das endlich geklappt.“

Bildende Kunst, Tanz und Poesie in einem Projekt? Ein gelungenes und in diesen Zeiten allumfassender digitaler Dokumentation einzigartiges Experiment. Keine laufende Kamera dokumentierte das Ereignis, um es umgehend auf YouTube hochzuladen. Allein die Zuschauer waren Zeugen. Und das ist tatsächlich etwas ganz Besonderes.

Finissage mit Popmusik von Aileen

Grande Dames kann es nie genug geben. Simone Kirsch hatte deshalb ihre Ausstellung bis zum Abschluss am 1. März 2016 um weitere Deutungen des Titelthemas ergänzt. Neu an den Wänden hingen beispielsweise eine feine Dame mit Boa Constrictor um den Hals und viel Mut zur Farbe Rosa („Female Creativity“), ein Trio in Tiefrot mit dem wunderlichen Namen „Connect Dualities“ sowie ein „Blueprint“, quasi die Blaupause einer Grande Dame.

Den Rahmen, der dem letzten Werk wohl aufgrund seiner Übergröße fehlte, lieferte das Kölner Pop-Duo Aileen zumindest musikalisch. „Modern Fingerstyle meets Powerful Voice“, so beschreiben Sängerin Ellen Schneider und Gitarrist Michael Nötges treffend ihren Stil. Die beiden Kölner Musiker interpretierten das Motto mit einem Set aus Coversongs (unter anderem „With or Without You“ von U2 und „Kiss“ von Prince) sowie eigenen Stücken. Ihrem Wunsch, „dass unsere kleinen Geschichten in den Songs an die große Geschichte dieser Ausstellung anknüpfen können“ (Schneider), wurden Aileen mit ihren harmonischen, warmen Liedern durchaus gerecht. Besonders gut gelang der Brückenschlag bei „Was es ist“, einem Cover der Berliner Band Mia., das Aileen mit einem wunderbar rhythmisierten Schlussteil zu ihrem eigenen Lied machten.

GAG Grand Dame Kirsch Kulturkirche Ost