Vielfalt in der Einheit
In dieser Rubrik nehmen wir Sie mit auf Zeitreise und erkunden gemeinsam die GAG-Historie. In Höhenberg besichtigen wir unsere preisgekrönte Germaniasiedlung samt Museumswohnung.

Baujahr: 1920-1929
Architekten: 38 Architekten
Besonderheit: Eine der größten GAG-Siedlungen
Denkmalschutz: Viele Gebäude
Wenn man durch die Straßen der Germaniasiedlung in Höhenberg spaziert und die geparkten Autos ausblendet, dann kann man sich in einigen Abschnitten wie in den 1920er Jahren fühlen. Das liegt vor allem an einer aufwendigen Modernisierung, die die GAG von 2005 bis 2012 vorgenommen hat, und bei der wir uns sehr genau an alten Fotos und Plänen orientiert haben, um das alte Erscheinungsbild wiederherzustellen. Sogar die Farbschichten der Fassaden wurden untersucht, um die Gebäude in ihrer ursprünglichen Farbe streichen zu können.
Das riesige Gelände, auf dem die Siedlung von 1920 bis 1929 errichtet wurde, kaufte die GAG im Jahr 1917. Es ist 17.000 m² groß und liegt zwischen der Frankfurter Straße und dem Güterbahnhof Kalk-Nord. Der Name Germaniasiedlung leitet sich ab von einem gleichnamigen, ehemaligen Eisen-Hochofenwerk, das hier von 1870 bis 1900 in Betrieb war, und bezieht sich zudem auf die einstige Steinkohlezeche Germania in Höhenberg.
Die Architekten und ihre Ideen
Die Germaniasiedlung ist eine der größten GAG-Siedlungen und war bei ihrer Entstehung in Europa ein beispielloses Architektur-Ensemble. Die Planung der Siedlung mit mindestens 1.300 Wohneinheiten und 17 Läden war eine Mammutaufgabe. In keiner anderen GAG-Siedlung kamen so viele Architekten zum Einsatz wie in dieser Siedlung – es waren 38. Vermutlich kamen diese Architekten in Höhenberg zum Einsatz, weil sie sich bei der GAG darüber beschwert hatten, dass die großen Siedlungsprojekte überwiegend an Wilhelm Riphahn vergeben wurden.
Und noch einen Grund gab es für die Vielzahl an Architekten: Sie sollten für architektonische Vielfalt in der Einheit sorgen. In kleinen Gruppen befassten sie sich jeweils mit einem der zahlreichen Bauabschnitte. Jede Gruppe entwickelte eigene gestalterische Lösungen und so sorgten sie dafür, dass jede Straße ein anderes Erscheinungsbild bekam – mit unterschiedlichen Erkern, Türeinfassungen mit Rund- oder Spitzbögen, diversen Dächer-Varianten oder auch dem Wechsel zwischen Backstein und verputzten Fassaden. Die Architekten gaben sich viel Mühe, die Häuser individuell aussehen zu lassen, um den Eindruck eines gewachsenen Viertels zu vermitteln.
Ursprünglich waren nach dem Vorbild der Gartenstadt für alle Einfamilienhäuser Gärten geplant. 1920/21 gab es dann aber eine Planungsänderung, da man mit einer derart großzügigen Gestaltung zu wenige Leute hätte unterbringen können. In der Weimarer Straße/Gothaer Platz entstanden danach auch die ersten Mehrfamilienhäuser der Siedlung.

Viele Straßen und Plätze der Siedlung sind nach Orten in Thüringen benannt – Coburg, Gera, Erfurt oder Weimar. „Das hat zum einen mit der Pfarrgemeinde St. Elisabeth in Höhenberg zu tun, benannt nach der heiligen Elisabeth von Thüringen“, sagt der Geograph und Historiker André Dumont, der Daten von alten Adressbüchern für die GAG analysierte, um die Sozialstruktur der Siedlungen zu untersuchen. „Aber auch die Zeit der Weimarer Republik hat bei der Straßenbenennung eine Rolle gespielt.“ Zwischen 1918 und 1933 existierte in Deutschland zum ersten Mal eine parlamentarische Demokratie. Diese Epoche wird als Weimarer Republik bezeichnet, und die Weimarer Straße erinnert an dieser Zeit.
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Die Bewohner der Germaniasiedlung
Die Siedlung wurde für Arbeiter und Angestellte der benachbarten Industriebetriebe gebaut. Dazu gehörten die Chemische Fabrik Kalk, die Gasmotoren-Fabrik Deutz und die Humboldt-Werke. Auch Beamte, die bei der Reichsbahn oder der Deutschen Post arbeiteten, fanden in der Siedlung ein Zuhause. Während die Beamten und höhere Angestellte im südlichen Teil wohnten, lebten im nördlichen Teil eher Arbeiter und Handwerker – und in der Mitte war die Bewohnerschaft bunt gemischt, wie Historiker Dumont herausgefunden hat.
Die Wohnungsgrößen lagen bei 50 bis 100 m². Laut Dumonts Recherche wurden 40 Prozent der Wohnungen in den 1920er Jahren von Arbeitern bezogen, neun Prozent von Handwerkern. Einfache Angestellte und Beamte machten 29 Prozent aus. Der Rest verteilte sich auf Selbstständige, Witwen, höhere Angestellte und Beamte. „Die Einfamilienhäuser waren für die kinderreichen Arbeiterfamilien vorgesehen“, sagt er.
Die GAG hat in der Weimarer Straße 15 eine Wohnung nach historischem Vorbild originalgetreu restauriert, um das Wohnen und die Lebensverhältnisse der Vergangenheit zu zeigen. Die Wohnung befindet sich im Paul-Schwellenbach-Haus, dem Bürgerzentrum in Höhenberg. Zu sehen sind dort auch Möbel aus den 1920er Jahren, die das Kölnische Stadtmuseum bereitgestellt hat. Die Museumswohnung könnten digital besichtigt werden.

Was von der Vergangenheit bleibt
In den 1920er Jahren waren in der Siedlung etliche Geschäfte, Arztpraxen und Gewerbebetriebe verteilt – Metzger, Bäckereien, ein Friseurgeschäft und ein Blumenladen. Mit dem Aufkommen der großen Supermärkte verschwanden die meisten kleineren Läden auch in der Germaniasiedlung. Wo heute die Kneipe Weimarer Stübchen ist, war damals ein Kolonialwarenladen. Neben der Kneipe gibt es heute ein Café in der Siedlung, Kitas, eine Grundschule sowie das Paul-Schwellenbach-Haus, das Bürgerzentrum.

In der Grünanlage am Kösener Weg steht seit Ende der 1920er Jahre die Skulptur „Mutter mit Kind“. Sie ging aus einem Wettbewerb zur Verschönerung der GAG-Siedlungen mit Figurenschmuck hervor. In Bickendorf steht der Treue Husar, in der Nibelungensiedlung in Mauenheim stand der Drache und die Schmuckschale aus der Nibelungensage – auch diese Figuren waren nach dem Wettbewerb gestaltet worden.
Die Gartenparzellen der Familienhäuser wurden im Laufe der Jahre teilweise zusammengeschlossen, weil die Bewohner die Gärten nicht mehr zur Selbstversorgung benötigten. Heute werden die Wiesenflächen hinter den Häusern gemeinschaftlich genutzt, Zäune und Einzelparzellen gibt es nicht mehr.

Die Germaniasiedlung wurde für 80 Millionen Euro unter Wahrung der strengen Vorgaben des Denkmalschutzes und energetischer Anforderungen modernisiert. Für die aufwändige Modernisierung wurde die GAG im Jahr 2009 mit dem Deutschen Bauherrenpreis in der Kategorie Sanierung und Modernisierung ausgezeichnet. Auch für die Siedlungen Blauer Hof in Buchforst und die Riehler Naumannsiedlung bekam die GAG den Preis in den Jahren 2011 und 2012. Seit dem Jahr 2000 stehen die meisten Gebäude der Siedlung unter Denkmalschutz.
Die Recherche der historischen Fotos konnte mit freundlicher Unterstützung der SK Stiftung Kultur umgesetzt werden.
Text: Maria Hauser









