Veedels-Porträt Braunsfeld

Was macht Braunsfeld besonders? Eine beeindruckende KVB-Leitstelle, kreative Kostüme und ein Büdchen mit Kultfaktor. Unser Veedels-Porträt führt zu Menschen und Orten, die Braunsfeld prägen.

Aachener Straße in Braunsfeld bei Abenddämmerung

Braunsfeld. Systemrelevant auch ohne Aufbrezeln.

Es gibt Stadtteile, die zaubern direkt ein Bild vor Augen. Die Altstadt und ihr Alter Markt. Die Südstadt und ihr Chlodwigplatz. Nippes und sein Wilhelmplatz. Und es gibt Braunsfeld. Wir haben uns in dem 12.500-Einwohner-Stadtteil zwischen Ehrenfeld und Lindenthal auf die Suche nach bleibenden Eindrücken gemacht.

Wo Kölns Bahnen im Blick bleiben

Da wären zum Beispiel die dicken Schienenstränge im von der Last des Auto- und Schwerlastverkehrs zerfurchten Melatengürtels, die in die Scheidtweilerstraße abbiegen. Ihr Ziel: die Kölner Verkehrsbetriebe. Die vielbesungene Institution hat hier nämlich nicht nur einen von mehreren Abstellplätzen, in denen die Züge die Nacht verbringen, sondern vor allem: ihre Leitstelle.

Herzstück der Zentrale ist ein Bildschirm, der das Herz aller Gamer höherschlagen ließe: 25 Meter breit und 4,50 Meter hoch ist die Multimediawand, die den gesamten Bahnverkehr Kölns in Echtzeit abbildet. Zwischen zahllosen grünen Linien blinkt hier und da ein rotes Lämpchen, leuchtet ein Streckenabschnitt gelb. Die Stimmung der Mitarbeitenden bei unserem Besuch ist freundlich-entspannt. „Das ist eine ziemlich normale Lage“, befindet Paul Timmer, seit 2011 Leitstellenleiter, beim Blick auf die Infowall – ein alltäglicher Anblick für ihn. Zumal er trotz ihrer Größe um ihre Beschränktheit weiß: „Würden wir unsere rund 70 Buslinien auch hier abbilden wollen, würde man vor lauter Details gar nichts mehr erkennen.“ Die verschlungenen Pfade der Omnibusse begleiten die Angestellten in der Leitstelle über „ganz normale“ Computerarbeitsplätze.

Ehe es ihn im Jahr 2000 ins Hauptquartier verschlug, saß Timmer selbst am Steuer. „Ich habe beide Führerscheine: für Bahn und für Bus.“ Von seinem Zuhause im rechtsrheinischen Urbach reist er allerdings mit dem Auto an. Frühmorgens braucht er dafür eine halbe Stunde und hat genügend Zeit, sich um alternative Verkehrsmittel Gedanken zu machen – wie die immer mal wieder diskutierte Seilbahn über den oder Schnellboote auf dem Rhein. „Vor zehn Jahren ist die Idee eines Wasserbusses nach Rotterdamer Vorbild in der Kölner Politik schon mal diskutiert worden, die Umsetzung mit einem verlässlichen Fahrplan hat sich aber als schwierig herausgestellt“, erinnert er sich. „Wegen der hohen Fließgeschwindigkeit des Rheins sind An- und Ablegeprozesse sehr aufwändig.“

Aufbrezeln ausdrücklich erwünscht

Alle Zeit der Welt sollte mitbringen, wer nur ein paar Schritte vom KVB-Hauptquartier entfernt bei André Lucas einkehrt. Denn für eilige Zeitgenossen macht ein Ausflug in dessen Modemanufaktur keinen Sinn. Gegründet hat diese besonders bei Liebhabern aufwändiger und kreativer Kostüme legendäre Institution die Ende 2025 verstorbene spanisch-kölsche Designerin Maria Lucas, Adoptivsohn André führt sie in ihrem Geiste weiter. „Wir erschaffen hier gemeinsam mit unseren Kundinnen und Kunden nicht einfach nur Kostüme, sondern echte Charaktere, in die sie schlüpfen können.“

Modedesigner André Lucas

Die Kundschaft, die dieses Angebot nicht nur zu schätzen, sondern auch zu bezahlen weiß, ist mitunter prominent. Gerade deshalb ist die Lage des Ladengeschäfts jenseits der City perfekt. „Hätten wir unseren Standort in der Innenstadt, müssten sich unsere Kunden erstmal aufbrezeln, damit sie für die Öffentlichkeit vor der Ladentür gut aussehen. Hier in Braunsfeld können sie kommen, wie sie sind, und sich dann bei uns in Schale schmeißen.“

Seit rund zehn Jahren genießt André Lucas selbst den „Luxus, zu Fuß zur Arbeit gehen zu können“. Was er an Braunsfeld schätzt, passt für ihn in ein einziges Wort: Menschlichkeit. „Hier wirst du in der Buchhandlung an der Ecke und sogar im Supermarkt mit Namen begrüßt, hier gibt‘s alles, was du zum Leben brauchst, in Laufweite. Raus aus dem Veedel musst du nur, wenn du ins Grüne willst oder zum Effzeh.“

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Kaffee, Kult und kölsches Büdchengefühl

Auf dem Weg ins Stadion könnte er – wie so viele Braunsfelderinnen und Braunsfelder – auf ein Käffchen beim „Köski Royal“ Halt machen. Betreiberin Charlotte Mies erinnert sich noch gut an den Tag der Öffnung des Edel-Büdchens auf der Verkehrshalbinsel an der Ecke Aachener Straße/Braunsstraße am 01. Mai 2018. Angelockt durch den Post einer Influencerin guckten rund 500 neugierige Kunden durch die historische Rundum-Verglasung. Drinnen kämpfte Charlotte mit einem akuten Hörsturz und konnte sich kaum auf den Beinen halten. „Sowas nennt man wohl einen viralen Moment“, kommentiert sie das damalige Geschehen trocken.

Vielleicht hat sie mit ihrem Kompagnon André Paulssen und dem Angebot – das auf Zigaretten und Zeitungen, nicht aber auf hochwertige Kaffees und Tees, Handgebacktes und -gewebtes (Handtücher von Pia Wolf) verzichtet – auch einfach einen Nerv getroffen. „Vielleicht aber ist Braunsfeld auch schon sehr Lindenthal“, überlegt Charlotte laut und beschreibt damit den Umstand, dass ihre Kundschaft eben die paar entscheidenden Euro mehr für einen guten Kaffee übrig hat, anders als Büdchen-Besucher andernorts. 

Bei unserem Besuch sitzt Charlotte recht entspannt auf einer kleinen Bank neben dem Dixie-Klo – denn eine reguläre Toilette hat Architekten-Legende Wilhelm Riphahn vor 100 Jahren nicht mitgeplant. Die größte Zeit hatte der Köski in der Corona-Phase. „Alles hatte zu, aber die Leute hatten trotzdem Bock auf wenigstens ein bisschen gastronomisches Flair.“ Die Schlange nach Kaffee durstender Braunsfelder reichte besonders an den Sonntagen bis hinüber in den Stadtwald. „Ich habe schon Wohnungsanzeigen gesehen, in denen das Köski Royal als expliziter Standortvorteil angepriesen wurde“, sagt Charlotte. Das müsse aber für sie nicht von Nachteil sein. „So sind wir auch in der nächsten Pandemie wieder systemrelevant.“ Bleibenden Eindruck hinterlässt das Büdchen-Denkmal allemal. Dafür braucht‘s nicht unbedingt wieder eine Pandemie.

Text: Sebastian Züger

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