Veedels-Porträt: Holweide

In dieser Rubrik betrachten wir das Leben und Wohnen in Köln. Holweide im rechtsrheinischen Köln-Mülheim verbindet ländlich-historischen Charme mit moderner Urbanität.

Alle Welt kennt von Holweide, wenn überhaupt, nur die für Anwohnende wie Durchreisende gleichermaßen vermurkste Bergisch Gladbacher Straße. Ein schwerer Fehler – finden nicht nur die Holweiderinnen und Holweider selbst.

Seit 13 Jahren erschafft Anne Schultes-Schmitz, pardon, „Madame Miammiamm“, in ihrer Backstube Hochzeitstorten und ähnliche Kunstwerke, unterstützt vom „Tablettschlepper“ – ihrem Gatten Peter. Nachdem der Laden im Belgischen Viertel geschlossen hat, gibt es das sündige Gebäck neuerdings direkt vor Ort. „Das ist gut angelaufen“, sagt Peter. „Anfangs wollten wir nur einmal im Monat öffnen, jetzt sind es schon jeder Freitag und Samstag.“

Dass Kölnerinnen und Kölner im Allgemeinen kaum mehr von Holweide kennen als die Bergisch Gladbacher Straße, die das Veedel in zwei Hälften teilt, hält Peter für einen schweren Fehler. „Hier gibt es Platz, hier gibt es Grün und viele nette Leute.“ Er ist froh, nicht mehr täglich Torten ins Belgische kutschieren zu müssen, zumal sich die Situation mit den anstehenden Brückensanierungen auf Jahre hin verschlechtern wird. Menschen wie er, die Holweide offensiv preisen, sind rar. Die gut 20.000 Menschen im Stadtteil sind vermutlich einfach schlau. Niemand soll ahnen, wie schön sie es hier in Wahrheit haben.

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Dabei liegt das Geheimnis offen zutage – wenn auch hinter einer Schallschutzwand. Auf der Autobahnüberführung startet die Ur-Holweider Künstlerin Katrin Lühmann vom Runden Tisch eine Radtour durchs Veedel. Vorbei an Supermarkt, Gesamtschule (Ex-Schülerin Lühmann: „Ein Paradies“) und Sportclub geht es zu einem Wäldchen, in dem sich Faulbach und Strunde kreuzen. Letztere säumen eine Vielzahl historischer Mühlen wie die Isenburg, die in ihrer heutigen prächtigen Erscheinung von der unheimlichen Kraft der Gentrifizierung erzählt. Katrin Lühmann ist hier aufgewachsen. Über einen Wassergraben geht es in den säuberlich restaurierten Innenhof „Hier wurden früher Familien aus ärmlichen Verhältnissen untergebracht“, sagt Lühmann. „Im ganzen Haus gab es weder Heizung noch Duschen. Die hat mein Vater später selbst eingebaut.“

Vorbei an frühlingshaft ergrünendem Grabeland, Obstbäumen und Ententeichen kommt sie an den vorschriftsgemäß in die Landschaft integrierten Versicherungskonzern Axa vorbei. Über den Holweider Ortsteil Schweinheim und vorbei am Krankenhaus ist das nächste Ziel die Märchensiedlung, die ihrem Namen mit ihrem pittoresken Lebkuchen-Charme alle Ehre macht. Nur konsequent, dass der Runde Tisch hier allherbstlich eine Märchenwanderung veranstaltet.

Über die Bergisch Gladbacher Straße geht es in die weniger gutbürgerliche Nordhälfte Holweides. Im Veedelsbüro der Diakonie am „Picco-Platz“ tagt regelmäßig der Runde Tisch. Seit 2013 macht sich das informelle, offene Gremium Gedanken über den Stadtteil, betreibt Bücherschränke und organisiert Veranstaltungen wie das „Apfelkuchenfest“ zur Erntezeit. Katrin Lühmanns Verhältnis zu ihrem Stadtteil hat der Runde Tisch auf links gedreht. „Eigentlich wollte ich in die Stadt ziehen, sobald meine Kinder aus dem Haus sind. Aber seitdem ich hier mitmache, habe ich so viele tolle Leute kennengelernt – deshalb bleibe ich.“

Auch Schulsozialarbeiter Massimo Marcone kommt nicht los von Holweide. Dabei ist der Italiener, der in Kürze die deutsche Staatsbürgerschaft annehmen will, am Eigelstein geboren und lebt mit Frau und Kindern im linksrheinischen Kunibertsviertel. Dank des wohlmeinenden Ratschlags einer Freundin seiner Eltern kam er als Fünftklässler auf die Gesamtschule Holweide. „Die Schule war viel freier als die konventionellen Angebote in meiner Nachbarschaft“, sagt er. „Hier konnte ich mich in meinem Tempo entwickeln.“

Ihrem freien pädagogischen Ansatz ist die mit derzeit 1870 Schülerinnen und Schülern größte Gesamtschule NRWs bis heute weitgehend treu geblieben. Das ist auch äußerlich erkennbar: Das Gebäude hat sich seit Marcones Schulzeit kaum verändert. Allerdings: „Die Planungen für den Neubau laufen schon. Auf einer Freifläche soll das neue Schulgebäude entstehen, während im alten der Betrieb weiterläuft.“ 

Wie viele Schulen in Köln verfügen über so viel Platz? Und nutzen ihn so vielfältig: „Fußball-, Basketball und Beachvolleyplätze, Obstplantagen, Trampolins, Kletterturm“, zählt Marcone auf. „Nach der Schule steht das Gelände allen Bürgerinnen und Bürgern zur Verfügung.“ Er hält es für „superwichtig, dass unsere Schule mitbekommt, was im Stadtteil los ist.“ Doch für mehr Einladungen an die Nachbarschaft fehlen der Gesamtschule die Ressourcen.

Das 2013 aus einer ehrenamtlichen Initiative hervorgegangenen FEEnhaus, das gezielt Mädchen und Frauen mit und ohne Migrationshintergrund vernetzt und fördert, ringt gar um seinen Fortbestand. Vor rund zwei Jahren fiel aus Spargründen rund die Hälfte der öffentlichen Unterstützung weg. Mitgründerin Fatoş Aytulun, seit rund 60 Jahren in Köln zuhause, denkt dennoch nicht ans Aufgeben: „Wir brauchen ein Wunder, aber wir brauchen nicht viel“, sagt sie. „Eine halbe Koordinierungsstelle müssen wir finanziert bekommen. Auf der Basis können wir dann weitere Mittel akquirieren.“

An ihrer Seite sitzt Selin Demirci. Sie ist im Hauptberuf Hauptschullehrerin. Im FEEnhaus hilft sie bei der Lernförderung für Schülerinnen der Grundschule sowie der fünften und sechsten Klassen. „Es tut den Mädchen gut, was wir hier machen“, sagt sie. „Und es tut auch mir gut – diese Gemeinschaft hier ist superwichtig für mich.“


Text: Sebastian Züger

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