Kunst, die verbindet
Wie fühlt es sich an, wenn das eigene Wohnviertel plötzlich in Farbe erstrahlt – und man selbst Teil davon war?
Die Mitmachkunst-Projekte der GAG zeigen eindrucksvoll, wie viel kreative Energie und Gemeinschaftssinn in einem Quartier stecken. Ob bunte Wandbilder, gesprühte Bahnhofsillusionen in alten Tunneln oder Märchenwände mit generationsübergreifender Beteiligung – hier gestalten die Menschen aus der GAG-Nachbarschaft aktiv ihr Umfeld mit.

Bunte Quartiere. Echte Gemeinschaften.
Die Projekte entstehen in enger Zusammenarbeit zwischen unserem Sozialmanagement, Künstlerinnen und Künstlern bzw. pädagogischen Fachkräften und lokalen sozialen Einrichtungen wie Kitas, Jugendzentren oder Seniorenvertretern. Sie verbinden Menschen und bringen neue Eindrücke ins Wohnumfeld – gemeinsam gestaltet, gemeinsam erlebt. Gleichzeitig erfahren Teilnehmende, dass ihre Kreativität sichtbar nachhaltig wirkt und ihre Nachbarschaft mitgestaltet.
Die Mitmachkunst ist dabei mehr als Farbe an der Wand: Sie stärkt das Miteinander und vermittelt den Menschen Werte wie Zusammenhalt, gegenseitige Rücksichtnahme, Geduld und Verantwortungsgefühl. Sie erleben, wie gut es tut, gemeinsam etwas zu schaffen, auf das man stolz sein kann und das im urbanen Alltag immer wieder an diesen Moment erinnert.
Aktionen, die Verbindungen schaffen
Unser soziales Engagement schafft ein echtes „Zuhause“ in Quartieren: Es vermittelt Sicherheit, Zusammenhalt und Unterstützung für Menschen, die sie brauchen. In Stadtteilkonferenzen und Netzwerken bringen wir uns aktiv zusammen mit Bildungseinrichtungen, Verwaltung, Politik und sozialen Trägern ein. So entstehen Angebote wie Gartenclubs, Ferienprogramme, Fußballkooperationen oder eben die Mitmachkunstprojekte.
Jemand, der diese Arbeit seit über zehn Jahren mit viel Herzblut im Kölner Norden mitgestaltet, ist Sozialarbeiterin Sylke Born. Im Interview erzählt sie, wie Mitmachkunst im Quartier wirkt und was sie persönlich an dieser Arbeit begeistert.
GAG: Liebe Sylke, wie entstehen eigentlich die Mitmachkunst-Projekte in den Quartieren?
Sylke Born: Das ist ganz unterschiedlich. Oft entstehen Ideen bei Netzwerktreffen mit anderen Akteuren im Viertel oder bei unseren regelmäßigen Quartiersbegehungen. Wir schauen dann: Welche Fläche wäre geeignet? Welche Zielgruppen können wir erreichen? Gibt es gerade einen besonderen Bedarf? Aus diesen Beobachtungen entwickeln wir gemeinsam Konzepte mit einem klaren Fokus auf Beteiligung und Gemeinschaft.

GAG: Was genau macht diese Projekte zur „Mitmachkunst“?
Sylke Born: Das Entscheidende ist die Teilhabe. Kinder, Jugendliche, manchmal auch ältere Nachbarinnen und Nachbarn – alle können sich einbringen. Wir überlegen gemeinsam mit den Künstlerinnen und Künstlern, was zur Fläche passt, welches Thema sich anbietet und wie wir das kreativ umsetzen können. Dabei kommen unterschiedliche Techniken zum Einsatz – mal wird mit Pinseln gearbeitet, mal mit Spraydosen, manchmal auch mit Mischformen. Das hängt ganz von der Fläche, dem Material und dem Stil der Künstlerinnen und Künstler ab. Aber es geht immer darum, gemeinsam etwas zu schaffen, bei dem sich alle Teilnehmenden wiederfinden können.
GAG: Welche Rolle spielen die Künstlerinnen und Künstler und was bewirken die Mitmach-Kunstprojekte bei den Kids?
Sylke Born: Viele Künstlerinnen und Künstler bringen sowohl Talent und Fachwissen als auch pädagogisches Know-how mit. Sie vermitteln den Kindern nicht nur bestimmte Techniken, sondern auch soziale Kompetenzen. So erleben die Kids, dass jede Aktion, jeder Pinselstrich, jede Form der Teilhabe sichtbar in das entstehende Kunstwerk einfließt und das Gesamtbild mitprägt. Sie erfahren, dass sie aktiv an etwas mitwirken, das im Stadtbild sichtbar bleibt. Das stärkt das Selbstbewusstsein enorm. Oft entdecken sie dabei Talente, von denen sie selbst überrascht sind. Gleichzeitig lernen sie, auf andere Rücksicht zu nehmen, Geduld zu haben und im Team zu arbeiten.
GAG: Gibt es ein Projekt, das Ihnen besonders im Kopf geblieben ist?
Sylke Born: Das Tunnelprojekt in Lindweiler! Ein alter Tunnel, der früher als unangenehm galt und einen Angstraum darstellte, wurde dort in Zusammenarbeit mit der Stadt, der Deutschen Bahn, dem Lino-Club e.V. und dem Künstlerteam Goodlack unter fleißiger Mithilfe von Kindern und Jugendlichen und weiteren Bewohnerinnen und Bewohnern aus Lindweiler umgestaltet. Dafür haben wir den Tunnel in einen fantasievollen Bahnhof verwandelt, mit Bahnsteigen, Gleisen, Menschen und Bewegung. Die Idee dahinter war, den Durchgang so aufzuwerten, dass die Leute ihn gern nutzen. Und das hat funktioniert: Die Unterführung ist heute hell beleuchtet, farbenfroh und fast schon eine kleine Sehenswürdigkeit für alle, die mit dem Rad oder zu Fuß unterwegs sind. Solche Projekte verändern die Optik und das Empfinden für den eigenen Stadtteil.
GAG: Hat sich durch die Projekte auch das Verhalten im Quartier verändert?
Sylke Born: Ja, das merkt man deutlich. An Flächen, die durch Mitmachkunst gestaltet wurden, wird zum Beispiel kaum noch Müll abgestellt. Die Menschen respektieren den Ort, weil sie ihn mitunter selbst mitgestaltet haben. Gerade Kinder und Jugendliche entwickeln einen richtigen Beschützerinstinkt für ihr Werk. Es gibt weniger Beschädigungen oder Schmierereien. Nicht, weil jemand kontrolliert, sondern weil Beteiligung Respekt erzeugt. Natürlich gibt es Ausnahmen, aber insgesamt entsteht ein ganz neues Verantwortungsgefühl im Umgang mit dem Wohnumfeld. Wer an der Gestaltung seines eigenen Veedels beteiligt ist, entwickelt einen anderen Blick auf den Ort, an dem man lebt. Wir merken, dass die Kinder später ganz anders auf diese Flächen achten. Sie identifizieren sich damit und sorgen sogar mit dafür, dass alles sauber bleibt. So entsteht echte Verbundenheit mit dem eigenen Wohnumfeld.
GAG: Wie reagieren die Nachbarschaften auf die entstandenen Kunstwerke?
Sylke Born: Nur positiv. Selbst wenn es in manchen Stadtteilen mit eher älteren Bewohnerinnen und Bewohnern wie Lindweiler etwas mehr Zeit braucht, um bei den Veränderungen mitzugehen. Aber wenn sie merken, was daraus entsteht, sind alle restlos begeistert. In anderen Gegenden, etwa in Chorweiler Nord, wo viele Familien mit Kindern wohnen, sind die Leute meistens direkt Feuer und Flamme. Am Ende steht immer ein Kunstwerk, auf das alle stolz sind und dass das Wohnumfeld angenehmer macht.
GAG: Was macht die Mitmachkunst-Projekte so besonders?
Sylke Born: Unsere Projekte entstehen mitten im Quartier, und da versuchen wir natürlich insbesondere, unsere Mieterinnen und Mieter anzusprechen und abzuholen. Es geht nicht nur um Beschäftigung, sondern um Teilhabe und um das Gefühl, etwas für das Quartier tun und sich einbringen zu können.
Die Zusammenarbeit mit lokalen Einrichtungen wie Jugendzentren, sozialen Einrichtungen oder Kitas ist dabei zentral. Sie kennen „ihre“ Kinder oder Jugendlichen, begleiten sie pädagogisch und helfen uns, Projekte wirksam und nah an der Lebenswelt der Beteiligten umzusetzen. Diese enge Kooperation macht aus einem Kunstprojekt eine gemeinsame Quartiersaktion. Und genau das schafft Bindung, Stolz und Gemeinschaft. Viele Kinder fragen schon nach dem nächsten Projekt, kaum dass eins abgeschlossen ist.
GAG: Was motiviert Sie persönlich an Ihrer Arbeit?
Sylke Born: Mich begeistert alles, was Menschen miteinander in Bewegung bringt. Wenn wir es hinbekommen, Verbindung zu schaffen – durch Kunst, durch gemeinsames Handeln – dann ist das für mich echte Sozialarbeit in Form von „Aktion und Verbinden“. Das heißt: Weiterentwickeln, Vorwärtsgehen, Von- und Miteinanderlernen, Gemeinschaft fördern und achtsam miteinander umgehen.
Und ich bin auch einfach dankbar, dass ich diesen Freiraum habe, mit den Menschen direkt vor Ort zu arbeiten, das Quartier weiterzuentwickeln. Dass sie offen sind, dass wir uns begegnen dürfen und dass unsere Arbeit geschätzt wird. Das ist nicht selbstverständlich.
GAG: Herzlichen Dank für das Interview – und auf viele weitere Momente, in denen auch kleine Pinselstriche große Wirkung zeigen.


