Schreibwerkstatt
Seit vielen Jahren treffen sich die Teilnehmenden der Schreibwerkstatt für Seniorinnen und Senioren in Köln-Niehl regelmäßig, um Gedanken in Worte zu fassen, neue Impulse zu erkunden und sich selbst ein Stück näherzukommen. In Ihren Texten finden sie Neues, verwandeln Altes, sie hören zu, was andere bewegt – und entdecken, wie viel Kraft, Leichtigkeit oder auch Tiefe in Worten stecken kann.

Lust auf Schreiben – Lust auf Leben
Geleitet wird die Gruppe von Claudia Satory, einer erfahrenen Schreibcoachin mit einem besonderen Gespür für Menschen und Lebensgeschichten. Mitmachen kann jeder. Vorkenntnisse sind nicht nötig. Nur Offenheit und Neugier sind sehr willkommen. Was daraus entsteht? Anekdoten, Gedichte, Freundschaften – und manchmal auch kleine Wunder auf Papier.
Die Schreibwerkstatt besteht seit 2018 und ist Teil unseres sozialen Engagements für die Menschen in unserer Lieblingsstadt. Was als generationsübergreifendes Projekt geplant war, hat sich mittlerweile als feste Größe für Seniorinnen und Senioren in KölnNiehl etabliert.
Treffpunkt ist die Wohnanlage an der Pohlmanstraße, mit gelegentlichen Lesungen oder Sonderterminen im Mehrgenerationenhaus Haus Ledo. Die Atmosphäre ist offen, vertraut und voller Respekt für die Geschichten, die dort entstehen. Für das Projekt bringt Claudia Satory ihre gesamte Erfahrung als Schreibcoachin ein. Die Schreibwerkstatt ist mehr als ein Kurs. Sie ist ein Raum für Vertrauen. Ein Ort, an dem niemand bewertet, aber jeder gesehen wird. Diese Haltung prägt die Gruppe.
Warum Schreiben im Alter so wertvoll ist
Alter ist kein Stillstand, sondern ein Raum voller Geschichten und Fähigkeiten. Der Ruhestand eröffnet neue Freiheiten ebenso wie neue Fragen: Wer bin ich, wenn der Alltag nicht mehr von Beruf oder Familie geprägt ist? Was bleibt, was trägt mich jetzt? Für viele ältere Menschen wird das Schreiben zu einem Anker. Es schafft Struktur und Ausdruck. In der Schreibwerkstatt können sie sich orientieren, erinnern und sich über das geschriebene Wort neu begegnen. So wird ein Ort geschaffen, an dem Erfahrung zählt, Kreativität blühen darf und Gemeinschaft entsteht. Schließlich trägt jeder Mensch Geschichten in sich. Manche sind laut und klar, andere leise und verborgen. Und manchmal reicht ein einziges Wort oder eine Stimmung, um sie an die Oberfläche zu spülen.
„Selbst wenn mir ein Schreibimpuls mal nicht so zusagt – irgendeinen Gedanken hat man immer. Irgendwas wird immer aufgeblättert.“ – Mechthild Waringer, Teilnehmerin der Schreibwerkstatt Niehl

Die Gruppe trifft sich zwei Mal im Monat für rund zwei Stunden. Dafür bringt Claudia Satory einen Schreibimpuls mit – z. B. einen Begriff wie „Finale“ oder „Sommertag“. Der gibt als einleitendes Stimmungsbild den thematischen Rahmen vor, den die Teilnehmenden aufgreifen, weiterspinnen oder ganz frei interpretieren können.
Dann wird es still. Nur das Kratzen der Stifte auf dem Papier ist zu hören und jeder vertieft sich für die kommenden 45 Minuten ins eigene Schreiben. In dieser Zeit entstehen Texte, die mal persönlich, mal heiter, mal nachdenklich oder überraschend leicht daherkommen. Wer möchte, liest das Geschriebene anschließend vor. Niemand muss, aber alle dürfen. Gelesen wird im geschützten Raum am Platz.
Der dabei entstehende Austausch ist offen und respektvoll. Es wird gefragt, gelacht, auch mal gestaunt. Und immer wieder zeigt sich: In diesen Texten stecken mehr als Worte, denn sie bergen Erinnerungen, Erfahrungen und Emotionen.
Aufs Papier gebracht
Die Geschichten, die entstehen, sind so vielfältig wie die Menschen, die sie erzählen: Eindrücke aus der Kindheit und der Herkunftsfamilie, Gedanken über aktuelle politische oder gesellschaftliche Zustände, Beobachtungen aus dem Alltag, Erlebnisse aus der Nachbarschaft. Mal komprimiert als Gedicht, mal ausformuliert als kleine Erzählung oder Szene.
Selbst scheinbar einfache Impulse – wie „Ein Sommertag“ – führen plötzlich zurück ins Elternhaus, zu einem Geruch, einem Klang oder einem verlorenen Gefühl. Das Einfließen eigener biographischer Erfahrungen geschieht dabei meistens ganz von selbst. Und manchmal greifen zwei Texte wie Zahnräder ineinander. Ohne sich abgesprochen zu haben, schreiben zwei Teilnehmende dann über dasselbe Thema aus unterschiedlichen Blickwinkeln, aber in verblüffender Nähe zueinander.
Nicht nur das Schreiben, sondern auch das Zuhören verbindet.
Wer andere Texte hört, lernt andere Leben kennen, schafft neue Perspektiven und trainiert seine Empathiefähigkeit. So entstehen nicht nur Texte, sondern auch Freundschaften. Die gegenseitige Wertschätzung und die gemeinsame Leidenschaft fürs Schreiben und einander Zuhören verbinden.
„Wir sind ein lebendiger Ort, ein Treffpunkt für Menschen, die Neues entdecken und sich selbst wertschätzend erfahren möchten.“ – Claudia Satory, Leiterin der Schreibwerkstatt Niehl

Die Gruppe besteht ausschließlich aus Seniorinnen und Senioren – meistens aus unserer Mieterschaft. Manche sind frisch im Ruhestand, andere bereits seit zehn oder fünfzehn Jahren. Wer neu dazustößt, kommt mit Neugier und manchmal auch mit einem Gefühl der Unsicherheit. Das ist verständlich, aber unbegründet. Schließlich braucht es kein Vorwissen. Kein literarisches Talent. Keine perfekte Rechtschreibung. Wie Claudia Satory sagt: „Das Wichtigste ist, irgendwo mal einen Punkt zu machen, um den Überblick nicht zu verlieren.“
Die Teilnehmenden bringen ganz unterschiedliche Erfahrungen mit. Einige lesen zwar gerne, entdecken das Schreiben aber neu. Andere haben es schon lange in ihr Leben integriert – so wie Mechthild Waringer, die bereits in den 1980er-Jahren eine Schreibwerkstatt besuchte und sogar schon eigene Texte veröffentlichte. Die 78-Jährige, die schon als Kind gerne reimte, sagt über sich selbst: „Ich bin keine Leseratte und lese eigentlich sehr wenig. Ich schreibe einfach lieber und verarbeite dabei Gedanken, Gefühle und Erinnerungen.“
Von Herz zu Herz
Viele Texte bleiben in der Gruppe – manche aber finden ihren Weg nach draußen. 2020 erschien mit unserer Unterstützung so eine erste Anthologie mit Texten aus der Werkstatt. Weitere Texte wurden im Mietermagazin der GAG veröffentlicht. Bei der Lesung „Lieblingstexte“ im Jahr 2024 trugen die Autorinnen und Autoren ihre Werke sogar einer größeren Öffentlichkeit vor.
Auch Schreibausflüge wie die ins Wallraf-Richartz-Museum, bei denen die Teilnehmenden zu den ausgestellten Kunstwerken geschrieben haben, zeigen, wie vielfältig das Projekt ist.

Wer schreiben will, soll kommen – jetzt erst recht
Die Schreibwerkstatt ist eine Möglichkeit, sich in einem geschützten Raum mit Gleichgesinnten auszutauschen, ein Angebot, sich mitzuteilen – auch dann, wenn früher vielleicht das richtige Ohr gefehlt hat. Wer hier mitschreibt, entdeckt, wie gut es tut, gehört zu werden – in der eigenen Stimme, im eigenen Tempo. Mechthild Waringer beschreibt es so: „Jeder hat doch schon mal einen Brief oder ein Tagebuch geschrieben. Das hier ist gar nicht so weit weg.“
Aktuell sind Plätze frei – wer Lust hat, es auszuprobieren, ist herzlich eingeladen. Die Schreibwerkstatt ist offen für alle Seniorinnen und Senioren, die sich ausdrücken möchten.





